Wir sind die Generation Angst

Unserer Generation wird viel vorgeworfen. Wenn es um zwischenmenschliche Beziehungen geht aber vor allem eines: Beziehungsunfähig. Bestseller werden darüber geschrieben und allen Singles in den 20er und 30ern somit die allgemeine Beziehungsunfähigkeit bescheinigt. Und damit machen wir es uns sehr leicht. „Warum hast du eigentlich keine Freundin?“ – „Ich bin halt beziehungsunfähig.“ Selbstdiagnose Beziehungsunfähigkeit. Aber was genau bedeutet das eigentlich? Ist man beziehungsunfähig, wenn man in seinem momentanen Lebensabschnitt keine Beziehung haben möchte? Ich glaube kaum. Ist man beziehungsunfähig, wenn man bereits verletzt wurde und vorsichtiger geworden ist? Als ob. Wir sind nicht beziehungsunfähig. Wir haben Angst.

Ich glaube sehr wohl, dass es Menschen gibt, die beziehungsunfähig sind. Aber das sind weitaus weniger als wir denken. Ich diagnostiziere mir auch keine Migräne, nur weil ich einmal im Monat mittelstarke Kopfschmerzen habe. Unsere Generation ist eine Generation voller Angst. Angst vorm Leben, Angst vorm Lieben, Angst vor Verletzung. Wer liebt, der macht sich angreifbar. Wer liebt, der kann verletzt werden. Also lieber zurückziehen und Mauern bauen. Am Besten so hoch, dass wir selbst nicht mehr rausschauen können und uns mit gutem Gewissen einreden, dass wir ja sowieso zu keiner Beziehung fähig sind.

Lieber Wolke 4 mit dir, als unten wieder ganz allein

Wir machen es uns einfach. Wir haben Freundschaft Plus und Mingle-Beziehungen zu Frauen und Männern, die wir mögen – aber halt nicht so sehr um eine ernsthafte Beziehung zu führen. Denn: Es kann ja immer was besseres kommen. Und das wird es bestimmt…oder nicht? In unserer Generation ist man ständig auf der Suche nach dem Besten – bigger, better, faster, stronger. Überall kann man Menschen kennenlernen, wieso sich auf etwas festes einlassen, wenn wir uns sicher sind, dass an der nächsten Ecke die Traumfrau oder der Traummann wartet. Aber bis dahin wollen wir ja auch nicht alleine sein.  Und regelmäßiger Sex ist auch was schönes. Also lieber Wolke 4 mit irgendjemandem als ganz alleine. Aber bloß niemals das böse B-Wort in den Mund nehmen, sonst wird man ausgetauscht. Denn über Beziehung reden ist ja schon fast so schlimm, wie eine zu haben. Bloß keinen Druck. Freiheit und Ungebundenheit ist die Beziehung 2016. Und wer sich verliebt, verliert – denn „es war ja alles klar abgesprochen“. Lieber ein Arschloch sein, als am Ende verletzt zu werden oder vielleicht sogar Gefühle zeigen zu müssen. Aber was rede ich da – Gefühle? Was ist das? Die haben wir natürlich nicht.

“Never let the fear of striking out keep you from playing the game”

Was wir damit erreichen? Wir verarschen uns selbst. Wir reden uns ein, dass wir keine Beziehung wollen und auch nicht zu ihr fähig sind. Im tiefsten Inneren, wollen wir aber alle jemanden, dem wir am Abend von unserem schlimmen Arbeitstag erzählen können und der uns so liebt wie wir sind. Nur müssen wir uns das eingestehen können und das ist das Problem. Wir sind die Generation, die nicht über Gefühle spricht. Die sich lieber quält, als das zu sagen, was sie wirklich fühlt. Weil man damit verletzlich und schwach wird. Wir sind die Generation in der das Ego über allem steht. Lieber selbst verletzten als verletzt zu werden. Wir müssen lernen mehr auf unserer Herz zu hören und unseren Kopf in den richtigen Momenten auszuschalten. Wir sollten aufhören, Menschen aus unserem Leben zu verbannen, nur weil es momentan nicht in den Lebensplan zu passen scheinen. Oder man Angst hat wieder enttäuscht zu werden. Was wäre die Welt, wenn keiner etwas wagen würde, nur weil man Angst hat?

9 Kommentare

  1. September 7, 2016 / 8:05 am

    Liebe Jana,
    ein sehr guter Post! Ich habe mich in letzter Zeit auch viel mit unserer Generation beschäftigt und mich gefragt, was sie eigentlich ausmacht. Ich finde deinen Ansatz „Angst“ ziemlich einleuchtend, nicht nur was das eigene Verletzt-werden angeht, sondern auch die Ereignisse um uns herum … aber das hängt ja eigentlich irgendwie alles zusammen…
    Ich habe auch vor Kurzem einen Post über ein ähnliches Thema geschrieben: http://www.fairytalegonerealistic.com/2016/08/17/schneller-h%C3%B6her-weiter/
    Würde mich freuen, wenn du mal reinschaust =)
    Liebe Grüße
    Susi

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    • maedchenhaft
      September 7, 2016 / 8:11 am

      Hey Susi 🙂
      Danke für deinen Kommentar – dein Post würde ich genau so unterschreiben, da haben wir ja die selbe Meinung! 🙂
      Habe das jetzt schon so oft an mir oder auch meinem Umfeld gemerkt – wir haben Angst.
      Liebst, Jana

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  2. September 7, 2016 / 8:55 am

    ich feier dich für den ersten abschnitt god damn. hab’s auch langsam allgemein satt dass unsere geberation immer so runter gemacht wird.

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    • maedchenhaft
      September 8, 2016 / 11:19 am

      Ja das nervt mich auch einfach richtig 😀 ist einfach nicht wahr…

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  3. September 10, 2016 / 11:42 am

    Dein Beitrag ist wirklich klasse geworden. Ich finde es immer bewundernswert, wenn Leute Ihre kompletten Gedanken immer so gut ausdrücken können, denn meistens schwirren mir die ganze Worte nur im Kopf und ich bekomme keinen klaren Satz zusammen. Es ist wirklich bemerkenswert wie sehr unsere Generation in manchen Situationen gesehen wird. Du has das echt super beschrieben und genau auf den Punkt gebracht !

    Liebe Grüße 🙂
    Measlychocolate by Patty

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    • maedchenhaft
      September 10, 2016 / 11:48 am

      Ach das geht mir aber auch so 😀 ist immer nur ein Bruchteil, den ich aufschreiben kann, haha. Aber vielen Dank <3 Es ist wirklich sehr traurig, dass es so läuft 🙁

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